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Eine Zwangsräumung in Santo Domingo macht viele Menschen obdachlos

Julia Borst  (29.11.2011, 14.26 Uhr)

Am Samstag, den 15.10.2011, begannen Jodis Encarnación und seine Frau den Tag wie gewohnt und brachten die Kinder zu Jodis' Mutter, die in den Außenbezirken der dominikanischen Hauptstadt Santo Domingo wohnt.

Als er gerade seine Schicht als Taxifahrer antrat, bekam er einen verzweifelten Anruf von seinem Nachbarn.

"Die Polizei ist hier, mit Bulldozern, sie reißen alle unsere Häuser ab", sagte der Nachbar.

Die Autofahrt zurück nach Alto Brisas del Este, dem Viertel, wo Jodis mit seiner Familie wohnt, dauerte nur 15 Minuten, aber als er dort ankam, war sein Heim bereits angerissen worden, mit allem darin, was die Familie besaß. Es war nur ein Schuttberg übrig.

"Unser Haus ist komplett zerstört worden, nichts blieb übrig. Wir konnten nicht einmal einen einzigen Löffel retten", sagte Jodis dem Team von Amnesty International.

Jodis Familie ist eine von 72 Familien, deren Häuser ohne Gerichtsbeschluss von 300 Polizeibeamten und Soldaten zwangsgeräumt wurden. Ein von den Bewohnern am Tag der Zwangsräumung aufgenommenes Video zeigt die Polizeibeamten und Soldaten, zusammen mit einigen Vertretern der lokalen Stadtverwaltung, wie sie Matratzen, Kühlschränke und Kleidung wegbrachten, und Bulldozer, welche die Häuser aus Stein und Holz niederreißen.

Augenzeugen haben berichtet, dass Polizei und Militär mit Schrot geschossen und Tränengas eingesetzt haben, um die Familien aus ihren Häusern zu vertreiben. Der Polizei zufolge wurden ein Beamter und ein Bulldozerfahrer durch Schüsse verletzt, die genaueren Umstände sind allerdings noch nicht bekannt.

Seit der Zwangsräumung sahen sich dutzende Familien aus Alto Brisas del Este gezwungen, in nahegelegenen Straßen ein Zelt aufzuschlagen. Mehr als 25 Kinder, Frauen und Männer leben und schlafen in dem Zelt und besitzen wenig mehr als eine Matratze und eine alte Couch, die eine Familie retten konnte.

"Wenn es regnet, stehen die Straße und damit auch das Zelt unter Wasser. Die Kinder schlafen auf Matratzen und viele der Erwachsenen nur auf Stühlen oder auf Kartons auf dem Boden", sagt eine Frau, während sie das Essen für die Gruppe vorbereitet.

Dort, wo führer ihre Häuser standen, wurde eine kleine Polizeieinheit installiert. Bewohner des Viertels sagen, dass sie sogar nach der Zwangsräumung noch bedroht und attackiert wurden.

Das Viertel wurde ursprünglich vor über zehn Jahren auf Privatgrund aufgebaut, mit der Erlaubnis des Besitzers, so sagt man. 1992 wurde die gegend jedoch zu öffentlich nutzbarem Grund erklärt und im gleichen Jahr bereits 19 Familien vertrieben. Es ist unklar, wofür der Grund von Alto Brisas del Este genutzt werden wird.

Lokale Organisationen sagen, dass der Gerichtsbeschluss, der zu der aktuellen Zwangsräumung geführt hat, nicht den administrativen Anforderungen in der Dominikanischen Republik entspreche.

Die letztendliche Räumung hat trotz einer rechtshängigen gerichtlichen Anordnung stattgefunden, die sie zunächst vertagt hätte.

Die nationalen und lokalen Behörden haben es versäumt den Bewohnern des Viertels alternative Wohnmöglichkeiten zur Verfügung zustellen. Der Bürgermeister von Santo Domingo hat am 27.10.2011 gesagt, dass die lokalen Behörden nicht für Kompensationen oder alternative Unterkünfte aufkommen wird.

Derartige Zwangsräumungen kommen in der Dominikanischen Republik häufig vor. Alleine 2011 wurden mehr als 100 Viertel zwangsgeräumt, so lokale Organisationen. Meist werden sie ausgeführt, ohne dass die offiziellen Richtlinien eingehalten werden, um das Land für Infrastrukturprojekte, den Tourismus oder die Industrie freizumachen. Schätzungen zufolge sind 50% der dominikanischen Bevölkerung (und 75% der Bevölkerung der Provinz Santo Domingo) von Zwangsräumungen bedroht. Dieses Argument wird von den lokalen Behörden verwendet, um ihr Handeln zu rechtfertigen.

Einem kürzlich veröffentlichten Bericht von Amnesty International zufolge sind Polizeigewalt und der Einsatz von Gewalt bei Zwangsräumungen und Demonstrationen in der Dominikanischen Republik an der Tagesordnung.

“Wir sind keine Kriminellen. Wir wollen nur in Frieden leben und arbeiten. Wir haben es verdient in Würde zu leben. Wir wollen Gerechtigkeit und nicht in unmenschlichen Bedingungen hausen", sagt Jodis in dem Zelt, das nun sein Zuhause ist.



Mehr Informationen in der Originalmeldung in englischer Sprache und im Video.



Aktionspostkarte zum neuen Bericht

Julia Borst  (03.11.2011, 14.33 Uhr)

Zum neuen Bericht "'Shut up if you don't want to be killed!': Human rights violations by police in the Dominican Republic" liegt jetzt eine Aktionspostkarte in deutscher und spanischer Sprache vor.

Bei Interesse bitte bei der Ländergruppe Dominikanische Republik unter info[at]amnesty-dominikanischerepublik.de nachfragen.



Eilaktion: Familien vertrieben und bedroht

Julia Borst  (03.11.2011, 09.26 Uhr)

Am 15. Oktober 2011 haben rund 300 Einsatzkräfte der Polizei und der Streitkräfte etwa 72 Familien aus einem Armenviertel in der dominikanischen Hauptstadt Santo Domingo vertrieben. Seitdem leben die Familien in einem unweit des Viertels errichteten Lager. Dort werden sie von Angehörigen der Sicherheitskräfte, welche die Gegend bewachen, schikaniert und angegriffen. Am Morgen des 15. Oktober gegen 8.00 Uhr drangen rund 300 PolizistInnen und Angehörige der Streitkräfte in Brisas del Este ein, einem Armenviertel in Santo Domingo Este, einem Stadtteil von Santo Domingo. In Begleitung der Sicherheitskräfte befanden sich MitarbeiterInnen des Bürgermeisteramts von Santo Domingo Este. Die Sicherheitskräfte fuhren mit Traktoren und anderem schwerem Gerät vor und begannen nach Auskunft von AugenzeugInnen, Schrotmunition und Tränengas in die Wohnungen der Familien zu feuern. Anschließend drangen sie ohne richterlichen Beschluss in die Wohnungen ein, trieben die dort lebenden Menschen ins Freie und beschlagnahmten ihren Besitz. Innerhalb von nur wenigen Stunden walzten die Sicherheitskräfte mit ihren Traktoren 72 Häuser nieder, ohne den BewohnerInnen die Möglichkeit einzuräumen, ihre Besitztümer vor den Räumfahrzeugen in Sicherheit zu bringen.

Seither leben die Familie, einige von ihnen mit Kleinkindern, in einem nahen Lager in beengten provisorischen Unterkünften, die sie selbst errichtet haben. Ihre Häuser sind dem Erdboden gleichgemacht. Die Gegend, welche die Familien bewohnt hatte, wird von einem kleinen Polizeikontingent bewacht. Delegierten von Amnesty International berichteten die Familien, sie könnten aus Angst, von der Polizei erschossen zu werden, nicht mehr in ihre einstige Wohngegend zurück. Seit den Zwangsräumungen haben PolizistInnen wiederholt Tränengas gegen die BewohnerInnern des Lagers eingesetzt. Am Abend des 26. Oktober gegen 22.00 Uhr feuerten PolizistInnen einen Tränengaskanister in das Lager, um die BewohnerInnen einzuschüchtern und sie davon abzuhalten, in ihre Häuser zurückzukehren. Das von den betroffenen Familien bewohnte Land befindet sich in Privatbesitz und liegt in einer Gegend, die im Jahr 2004 per Präsidialerlass als "von öffentlichem Interesse" ausgewiesen worden ist. Pläne, die Gegend in Wohngebiete und Schutzzonen aufzuteilen, sind bislang nicht umgesetzt worden.


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